Das historische Schulwandbild von Hans Fischer-Schuppach in der Waldenserschule Palmbach, heute Badisches Schulmuseum Karlsruhe
Das Wandgemälde "Palmbacher Märchenwelt", sowie das Historische Klassenzimmer im Badischen Schulmuseum wurden in den Jahren 2020 - 2021 von der Stadt Karlsruhe restauriert. Nach den Renovierungsarbeiten im Erdgeschoßklassenzimmer ist jetzt wieder der alte Holzboden aus der Zeit des Schulhausbaues (1902) zu sehen. Das Gemälde wurde von der Restauratorin Ute Schlee restauriert und für die heutige Präsentation gesichert.
Wandgemälde mit besonderer Geschichte
Das Wandgemälde „Palmbacher Märchenwelt“ ist ein bedeutendes Kunstwerk und Zeitdokument, das 1929 von dem damals 23-jährigen Kunststudenten Hans Fischer (später bekannt als Hans Fischer-Schuppach) geschaffen wurde. Es befindet sich im Erdgeschossklassenzimmer der ehemaligen Waldenserschule Palmbach, dem heutigen Badischen Schulmuseum, und bedeckt eine Fläche von etwa 10 Quadratmetern.
Vorgeschichte:
Das Schul- und Rathausgebäude wurde 1902 errichtet. Ursprünglich besaß das Gebäude im Erdgeschoss nur einen großen Schulsaal und eine Lehrerwohnung. Dieser Schulsaal war damit nicht nur Unterrichtsraum, sondern bildete den Mittelpunkt des damaligen Schulbetriebs. Das angegliederte Rathaus mit Bürgersaal hatte zwei Stockwerke und im Dachgeschoß ebenfalls eine Lehrerwohnung.
Fritz Wilkendorf leitete von 1923 bis 1930 als Hauptlehrer die Volksschule in Palmbach, die zu dieser Zeit eine zweiklassige Versuchsschule war. Wilkendorf wohnte während seiner Zeit als Palmbacher Lehrer in der Lehrerwohnung im Rathaus, wo ihn des öfteren der Dichter Heinrich Vierordt besuchte, mit dem er seit 1925 befreundet war. Der Lehrer Fritz Wilkendorf war ebenfalls ein bekannter Schriftsteller, Dichter und Hobbymaler. Er entwickelte die Idee, diesen Schulraum durch ein großes Wandgemälde künstlerisch aufzuwerten.
Eine wichtige Rolle bei der späteren Umsetzung spielte der Karlsruher Künstler und Professor Hans Adolf Bühler, der mit Fritz Wilkendorf gut bekannt war. Bühler war zu dieser Zeit Professor für Wandmalerei, Flächenkunst und Farbenlehre an der Kunstakademie Karlsruhe. Später war er Direktor der Kunstakademie Karlsruhe und Direktor der Badischen Kunsthalle Karlsruhe. Beide waren später Mitglied der NSDAP.
Die Idee eines Wandbildes entstand nicht völlig unvermittelt. In Palmbach hatte sich bereits seit den 1920er-Jahren eine bemerkenswerte Tradition von Kunstausstellungen im Schulgebäude entwickelt. Ein Bericht des Karlsruher Tagblatts vom 31. Dezember 1925 schildert beispielsweise eine Weihnachtsausstellung in der Palmbacher Schule. Neben dem ideellen Erfolg – insbesondere der Förderung des Heimatgefühls – habe sich auch ein materieller Erfolg ergeben: Es wurden Künstlerpostkarten, Drucke und sogar Ölbilder verkauft.
Auch in den folgenden Jahren fanden Ausstellungen statt. 1927 wurde in der Schule unter anderem eine Ausstellung mit Werken von Wilhelm Steinhausen, Hans Thoma und Ludwig Richter gezeigt. Diese Ausstellungen waren mehr als reine Veranstaltungen für Kunstinteressierte. Sie machten die kleine Dorfschule zu einem Ort, an dem Kinder, Eltern und die Bevölkerung mit zeitgenössischer Kunst in Berührung kamen. Damit war bereits ein Umfeld geschaffen, in dem die Idee eines eigenen großen Kunstwerkes für die Schule entstehen konnte.
Ein Schulwandbild soll entstehen
Der wichtigste Beleg für die Entstehungsgeschichte findet sich im Protokoll der Palmbacher Gemeinderatssitzung vom 5. Juni 1928. Dort heißt es unter Tagesordnungspunkt II:„Gemälde am Eingang der Volksschule betr.: Hauptlehrer Wilkendorf ersucht den Gemeinderat um Genehmigung zur Errichtung eines Gemäldes im Schulgang und zwar kostenfrei. Die Genehmigung hierzu wurde vom Gemeinderat wurde erteilt.“
Am 22. November 1928 unternahmen Palmbacher Eltern, Schüler und weitere Einwohner eine Fahrt nach Karlsruhe. Im Karlsruher Rathaus besichtigten sie die von Bühler gestalteten Wand- und Deckenbilder im Bürgersaal. Der Zeitungsbericht hält ausdrücklich fest, dass Bühler selbst die Besucher empfing und ihnen Wesen und Bedeutung seines Werkes erläuterte.
Um das Schulwandbild verwirklichen zu können, mussten mit Ausstellungen und Spenden zuerst die Finanzierung gesichert werden. Zur damaligen Zeit wurden Märchen als erzieherisch wertvoll eingestuft, so berichtete Wilkendorf später nach der Fertigstellung des Bildes.
Um das Gemälde finanzieren zu können, fand in Palmbach zwischen Weihnachten und Neujahr 1928 die fünfte Bilderschau der Landeskunstschule Karlsruhe im Schulgebäude statt. Diese wurden auch von Schulklassen besucht. (Siehe auch Zeitungsberichte unten). Zahlreiche Spenden von Freunden und Gönnern der Schule sowie ein Gemeindeabend sorgten für die notwendigen Gelder. Ob die früheren Bilderschauen auch zur Finanzierung des Wandbildes beigetragen haben, ist nicht bekannt. Auch die Kosten für das Gemälde, konnten bisher nicht ermittelt werden.
Folgende Bilderschauen wurden im Palmbacher Schulgebäude durchgeführt:
- Dezember 1924: Erste Bilderausstellung in Palmbach.
- Dezember 1925: "Deutschland - Vaterland" Ölbilder aus der näheren Heimat von Karl Brutzer und Steindrucke des Karlsruher Künstlerbundes.
- Dezember 1926: "Hans-Thoma-Gedächtnisschau".
- Dezember 1927: "Bilder der Bibel" - Eine Auslese von Steindrucken, Holzschnitten und Radierungen von Wilhelm Steinhausen, Hans Thoma und Ludwig Richter. Zu Verfügung gestellt vom Karlsruher Künstlerbund und der Volkskundlichen Buchhandlung.
- Dezember 1928: Gemälde, Radierungen und Handzeichnungen von Professor Hans Adolf Bühler.
Das Schulwandbild entsteht
Von der Idee zum Märchenbild stammte von stammt von Fritz Wilkendorf. In der Badischen Schulzeitung vom 14. Dezember 1929 veröffentlichte er einen ausführlichen Bericht unter der Überschrift: „Das deutsche Märchen. Ein Schulwandbild.“ Wilkendorf beschreibt darin zunächst seine pädagogischen Vorstellungen. Die Schule sollte nicht nur ein Ort des Unterrichts sein, sondern ein freundlicher Lebens- und Arbeitsraum. Kunst sollte dabei eine unmittelbare Wirkung auf die Kinder entfalten. Nach der fünften Bilderschau sollte deshalb an der Rückwand des großen Schulsaales ein Märchenbild entstehen. Geplant waren zwölf der bekanntesten und bei Kindern beliebtesten Märchen der Brüder Grimm.
Hans Fischer – der junge Künstler
Mit der eigentlichen künstlerischen Arbeit wurde der damals erst 23-jährige Kunststudent Hans Fischer beauftragt. Hans Fischer wurde am 27. Mai 1906 in Fafe in Portugal geboren. Er wuchs später in Lörrach und Karlsruhe auf und studierte an der Badischen Landeskunstschule Karlsruhe. 1929 wechselte er nach Berlin. Später wurde er als Maler, Zeichner und Grafiker bekannt. Den Namen Fischer-Schuppach verwendete er erst etwa ab 1945. (LEO-BW). Für das Wandbild von 1929 ist deshalb historisch korrekt zunächst von Hans Fischer zu sprechen. Die spätere Bezeichnung Hans Fischer-Schuppach ist für seine Gesamtbiografie richtig, war aber 1929 noch nicht sein Name.
Für den jungen Künstler war es keine leichte Aufgabe, die schönsten Augenblicke der Märchen mit den entsprechenden Gestalten zu verbinden. Das Gemälde sollte nicht illustrieren, sondern teppichartig und lebendig wirken. Hans Fischer lieferte nach Angabe seines Meisters Prof. Hans Adolf Bühler den zeichnerisch gelungenen Entwurf für die ungefähr zwölf Quatradmeter große Wandfläche. Gleich zu Schuljahresende konnte er beginnen. Fischer malte unter Aufsicht und Anleitung von Hans Adolf Bühler. Die Schulkinder durften begeistert Zeuge sein, wie das Wandbild entstand und schlossen Freundschaft mit dem jungen Maler. Für die Ausführung des Gemäldes hat er sechs Wochen gebraucht und und wurde am 19. April 1929 fertig. Während seiner Arbeiten wohnte er im Schulgebäude. Nach Berichten in damaligen Tageszeitungen wurden als Hauptmotive zwölf volkstümliche Märchen der Gebrüder Grimm in das Bild eingezeichnet. Viele weitere Märchen wurden vermutlich mit verschiedenen Figuren oder Tieren angedeutet. Die Märchen wurden ergänzt durch verschiedene Tiere und Insekten, erfundene Pflanzenformen, markante Palmbacher Gebäude wie Kirche und Rathaus, sowie durch zahlreiche kleine und große menschliche Figuren in immer wieder wechselnden unrealistischen Größenverhältnissen. Bei allen menschlichen Figuren im Bild wurden damals Palmbacher Schüler von Klasse 3 bis Klasse 8 verewigt. Die Schüler durften einzeln dem Künstler Modell stehen und wurden in die Märchenwelt eingefügt. Das Gemälde zeigt mit seinen Darstellungen einen Teil konkreter Wirklichkeit des Dorfes Palmbach im Jahr 1929.
Nach der Fertigstellung kamen in den Folgejahren zahlreiche Kunststudenten, Vereine sowie Klassen anderer Schulen im Rahmen von Schulausflügen nach Palmbach, um das Kunstwerk zu besichtigen.

Aufnahme aus dem Jahre 1930 „Wandgemälde im Schulsaal“
Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe, 498-1 Glasnegative Wilhelm Kratt (1887-1968) - Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Karlsruhe
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de
Beschädigungen und Restaurierungen
Während des Zweiten Weltkriegs beziehungsweise der Nachkriegszeit wurde das Gemälde stark beschädigt. Ein Bericht der Badischen Neueste Nachrichten vom 26. Juni 1952 liefert hierzu einen wichtigen Beleg:
Das Palmbacher Schulwandbild, das zwölf Grimmsche Märchen als Bildteppich auf 12 Quadratmeter vereinige und 1929 vom „ehemaligen Bühlerschüler Hans Fischer“ geschaffen worden sei, müsse nach starken Beschädigungen durch französische Besatzungstruppen vollständig erneuert werden. Ein Jahr zuvor wurde das bisher einstöckige Schulgebäude aufgestockt. Es erhielt ein zweites Klassenzimmer und im Dachgeschoß eine Lehrerwohnung.
Hans Schöpflin – die zweite wichtige Künstlerpersönlichkeit
Mit der Erneuerung wurde der Karlsruher Maler Hans Schöpflin beauftragt. Auch dies ist kunsthistorisch interessant. Schöpflin war selbst Schüler von Hans Adolf Bühler und später dessen Meisterschüler. Er arbeitete in den 1930er- und 1940er-Jahren auch eng mit Bühler zusammen.
Damit gibt es eine bemerkenswerte Verbindung:
1929: Hans Fischer – Schüler von Hans Adolf Bühler – schafft das Wandbild.
1952: Hans Schöpflin – ebenfalls aus dem Umfeld Bühler – erneuert das schwer beschädigte Werk. Ob Bühler selbst an der Entscheidung für die Erneuerung beteiligt war, lässt sich aus den bislang bekannten Quellen dagegen nicht belegen.
Danach geriet das Bild in Vergessenheit
Bei der Schulrenovierung und Bau des Pausenraumes um das Jahr 1970 wurde das Schulwandbild mit Gipskartonplatten abgedeckt. Es wurden Holzleisten auf dem Bild angebracht und diese mit Dübeln verschraubt. Die darauf befestigten Platten wurden mit zu langen Nägeln auf die Holzleisten genagelt, was zu unterschiedlich großen Abplatzungen des Putzes führte. Über vier Jahrzehnte fristete das Gemälde hinter den Gipskartonplatten ein Schattendasein und geriet in Vergessenheit.
Die Wiederentdeckung - 2014 zog das Badische Schulmuseum ein
Als das Badische Schulmuseum neue Räumlichkeiten suchen musste, beschloß der Ortschaftsrat Wettersbach dem Schulmuseumsverein die leerstehende Waldenserschule im Palmbach als neues Domezil anzubieten. Während den Ausräum- und Einzugsarbeiten meldete sich ein Palmbacher Bürger beim damaligen Ortsvorsteher Rainer Frank und berichtet, dass sich an der Rückwand im Ergeschoßklassenzimmer ein großes Wandbild befinden soll. Der Ortsverwaltung war dies nicht bekannt. Daraufhin wurde in einer Ecke vorsichtig eine kleine Öffnung geschaffen und tatsächlich war in dem kleinen Holraum ein Bild zu sehen. Die Ortsverwaltung Wettersbach beauftragte daraufhin ein Stukatörunternehmen aus Stupferich den Wandvorbau mit den Riegipsplatten zu entfernen. So kam dan vergessenen Wandgemälde wieder zum Vorschein. Nach und nach medleten sich Palmbacher Bürger, die hier zur Schule gingen und sich an das Schulwandbild erinnerten. Damit begann eine zweite Geschichte des Bildes: die wissenschaftliche Erforschung, Restaurierung und Identifizierung seiner zahlreichen Motive und dargestellten Personen.
Bis auf die beschriebenen Ausbrüche, Bohrungen und einzelne Beschädigungen machte das Gemälde einen guten Eindruck. Das Gebäude aus heimischen Sandsteinen ist seit Jahren als Kulturdenkmal nach § 2 Denkmalschutzgesetz geschützt, auch das Wandgemälde erhielt nach seiner Entdeckung den Denkmalschutzstatus.
Zustand des Bildes nach der Wiederentdeckung und Freilegung im Jahre 2014:
Palmbacher Märchenwelt
Das Wandgemälde wurde daraufhin von der Bevölkerung „Palmbacher Märchenwelt“ genannt, da markante Palmbacher Gebäude und viele Palmbacher Schüler auf dem Bild zu sehen sind. Das ca. 6,30 Meter breite und 1,60 Meter hohe Wandgemälde mit einer durchgehenden Umrahmung ist heute eine historische Besonderheit im Erdgeschoß-Klassenzimmer der Waldenserschule. Im Stadtteil Palmbach lebt noch bis zum Jahre 2018 ein Zeitzeuge (*1919), der damals dem Künstler als Schüler Modell stand und ausführlich über das Entstehen des Gemäldes berichten konnte. Alle eingezeichneten Personen konnten anhand eines Schulfotos und mit der Hilfe älterer Palmbacher Bürger namentlich benannt werden. Im Jahre 2017 besuchte die Tochter des damaligen Künstlers das Badische Schulmuseum, um das Wandgemälde zu besichtigen.
Die Restaurierung 2020/21
Ute Schlee – die dritte Künstlergeneration
Nach der Wiederentdeckung folgte in den Jahren 2020/2021 eine umfassende Restaurierung, nachdem vom Ortschaftsrat Wettersbach bereits im Februar 2018 die Restaurierung beschlossen hatte und von der Stadtverwaltung die finanziellen Mittel genehmigt wurden.
Dabei wurde auch das historische Klassenzimmer wieder stärker in seinen ursprünglichen Charakter zurückgeführt. Das Wandgemälde wurde von der Restauratorin Ute Schlee restauratorisch bearbeitet und für die heutige Präsentation gesichert. Nach der 1952 dokumentierten vollständigen Erneuerung nach Kriegsschäden wurde der Zustand des Bildes möglichst weit rekonstruieren und erhalten. Nach den Renovierungsarbeiten im Erdgeschoßklassenzimmer ist jetzt wieder der alte Holzboden aus der Zeit des Schulhausbaues zu sehen.
Ein besonders wertvoller Blick auf die Geschichte des Wandbildes ergibt sich durch den Vergleich mit einer historischen Fotografie aus dem Jahr 1930. Die Aufnahme entstand nur etwa ein Jahr nach der Fertigstellung und dokumentiert damit einen sehr frühen Zustand des Werkes. Die Gegenüberstellung mit dem heutigen, nach der Restaurierung durch Ute Schlee aufgenommenen Zustand zeigt zunächst eine erstaunliche Kontinuität: Die grundlegende Komposition des Wandbildes ist über fast ein Jahrhundert hinweg weitgehend erhalten geblieben. Bereits auf der Aufnahme von 1930 sind die wesentlichen Elemente zu erkennen, die das Bild auch heute prägen: die große zentrale Pflanzenkomposition, der Kreis im oberen Mittelbereich, die Ritterfiguren, die zahlreichen Tiere und Vögel, die menschlichen Figuren sowie die Gebäude und die großen grotesken Gestalten auf der rechten Seite.
Schulwandbild nach der Restaurierung im Jahre 2021: (c) Foto Bildidee - Klaus Eppele
Bericht im Wochenblatt Karlsruhe am 31.05.2018: "Eine Märchenwelt braucht eine Renovierung - Blick in die Geschichte in Palmbach"
Besonderheiten und lokales Zeitzeugnis
Zeitgenössischen Quellen sprechen von zwölf Hauptmärchen der Brüder Grimm als Hauptmotive. Die heutige Forschung untersucht dagegen die gesamte, außerordentlich detailreiche Bildkomposition und identifiziert darin zahlreiche weitere Märchenmotive. Bis heute wurden vom Badischen Schulmuseum 62 Märchenmotive identifiziert. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Ebenen der Betrachtung. Fischer hat die Geschichten nicht in Form einzelner, voneinander abgegrenzter Illustrationen dargestellt. Die Motive sind vielmehr ineinander verwoben. Eine Figur kann deshalb Bestandteil mehrerer Bedeutungsebenen sein. Einzelne Tiere, Gegenstände oder Pflanzen können auf ein Märchen verweisen, ohne dass die komplette Geschichte dargestellt wird. Genau diese künstlerische Konzeption macht das Bild bis heute zu einem Rätsel- und Forschungsobjekt.
Die „Palmbacher Märchenwelt“ ist mehr als nur eine Märchensammlung; sie ist ein einzigartiges Zeitzeugnis mit starkem lokalem Bezug:
Die Einbeziehung der Palmbacher Schüler und Gebäude
Die herausragendste Besonderheit ist die Verwendung von Palmbacher Schülern der Klassen 3 bis 8 als Modelle für alle menschlichen Figuren im Bild. Diese Kinder (Geburtsjahrgänge 1916 bis 1921) standen dem Künstler einzeln Modell und wurden so lebensecht in die Märchenwelt integriert. Das Wandbild bietet dadurch eine einmalige Verbindung von Kunst und lokalem Alltagsleben und ist ein wertvolles Dokument für die Familienforschung.
Fischer-Schuppach verortete die Märchenwelt direkt in Palmbach, indem er markante Gebäude des Dorfes in die Szenerie einfügte:
- Der Kirchturm in der rechten Bildhälfte stellt die Palmbacher Kirche dar.
- Das Gebäude mit dem roten Dach in der linken Bildhälfte repräsentiert das ehemalige Palmbacher Rathaus.
Das Gemälde bleibt somit eine faszinierende Verbindung von Mythos und lokaler Identität und bietet auch heute noch unzählige Details zur Entdeckung und Interpretation.
Protokoll der Gemeinderatssitzung am 05.06.1928 in Palmbach
Transkribiert von Frau Trudel Zimmermann
Alte Zeitungsberichte
In den Jahren 1924 bis 1928 fanden Bilderausstellungen im Palmbacher Schulgebäude statt. Hier die Zeitungsberichte:
Das Schulwandbild entsteht
Hier die Zeitungsberichte vom April 1929:
Quelle Zeitungsberichte: Badische Landesbibliothek https://digital.blb-karlsruhe.de/blbz/search
Eine Entstehungsgeschichte in zehn Daten
| Jahr/Datum | Ereignis |
|---|---|
| 1902 | Bau des Palmbacher Rat- und Schulhauses |
| 1923–1930 | Fritz Wilkendorf ist Hauptlehrer in Palmbach |
| 1925–1927 | Mehrere Kunstausstellungen in der Palmbacher Schule |
| 5. Juni 1928 | Gemeinderat genehmigt auf Antrag Wilkendorfs die Errichtung eines Wandgemäldes |
| 22. November 1928 | Palmbacher besuchen Bühler im Karlsruher Rathaus |
| 25.12.1928–01.01.1929 | Fünfte Bilderschau mit Werken von Hans Adolf Bühler; Reinerlös für das Wandbild |
| Anfang 1929 | Hans Fischer entwirft das Märchenbild nach Angaben Bühler |
| Frühjahr 1929 | Fischer malt etwa sechs Wochen im Schulsaal |
| 19. April 1929 | Wandbild fertiggestellt |
| Dezember 1929 | Wilkendorf veröffentlicht ausführlichen Bericht „Das deutsche Märchen. Ein Schulwandbild“ |
| 1930 | Fotografische Aufnahme des Wandbildes durch Wilhelm Kratt |
| 1952 | Erneuerung durch Hans Schöpflin nach schweren Beschädigungen |
| 2014 | Wiederentdeckung und Freilegung |
| 2020–2021 | Restaurierung des Wandbildes und historischen Klassenzimmers |
| heute | 62 Märchenmotive identifiziert; weitere Erforschung und Dokumentation |
Zur Person Hans Fischer-Schuppach
- Geboren 27.05.1906 als Hans Theodor Wolfgang Wilhelm Fischer in Fafe, Portugal. Der Vater war aus Lörrach und besaß in Fafe eine Spinnerei.
- 1916 Umzug der Familie nach Lörrach, danach nach Karlsruhe
- 1923-24 Volontär im Malersaal des Badischen Landestheaters
- ab 1924 Studium an der Badischen Landeskunstschule bei Georg Scholz, Karl Hubbuch, Wilhelm Schnarrenberger und Ernst Würtenberger
- Frühjahr 2029: Schulwandbild "Palmbacher Märchenwelt" in der Palmbacher Schule gefertigt
- 1929 Fortsetzung des Studiums in den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin, Meisterschüler bei Hans Meid (Grafiker). Gemeinsam mit seiner Studienkollegin Hanna Nagel
- 1931 Heirat mit der Künstlerin Hanna Nagel
- ab 1934 Meisteratelier an der Akademie der Künste, Berlin. Erste Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt
- 1935 Verleihung Rompreis (Prix de Rome)
- 1938 Geburt der Tochter Irene
- 1939 Umzug nach Heidelberg, Arbeit als freier Grafiker, wegen Ablehnung der nationalsozialistischen Kulturpolitik nur wenig Aufträge
- nach 1945: Er nahm den Mädchennamen seiner Großmutter an, von nun an Fischer-Schuppach
- 1947 Trennung von Hanna Nagel
- Einzelausstellungen in Bremen, Kassel, Hamburg, Berlin, Mannheim, Darmstadt, BAD, Nürnberg und Heidelberg
- gestorben am 01.05.1987 in Heidelberg
Quellen und Literatur
Zeitgenössische Quellen
Gemeinderatsprotokoll Palmbach, 5. Juni 1928
Gemeinderat Palmbach, Protokoll Nr. 155. Antrag von Hauptlehrer Fritz Wilkendorf auf Genehmigung eines kostenfreien Gemäldes im Schulgebäude.
Karlsruher Tagblatt, 31. Dezember 1925
Bericht über die Kunstausstellung in der Palmbacher Schule und deren ideellen und finanziellen Erfolg.
Durlacher Tagblatt, 6. Januar 1928
Bericht über die Ausstellung „Bilder der Bibel“ in der Palmbacher Schule.
Karlsruher Tagblatt, 22. November 1928
Bericht über den Besuch der Palmbacher in Karlsruhe und die Führung durch Professor Hans Adolf Bühler im Rathaus.
Durlacher Tagblatt, 27. Dezember 1928
Bericht über die fünfte Bilderschau in Palmbach; der Reinerlös war ausdrücklich für das geplante Wandbild bestimmt.
Badische Schulzeitung, Dezember 1928
Hans Adolf Bühler: „Hans Adolf Bühler, ein badischer Maler. Zur Bilderschau der Palmbacher Schule.“
Durlacher Tagblatt, 19. April 1929
„Ein Schulwandbild“ – Bericht über die Fertigstellung durch Hans Fischer unter Anleitung von Hans Adolf Bühler.
Badische Presse, 20. April 1929
„Ein Wandbild für die Schule“ – Bericht über das sechs Wochen dauernde Projekt und die zwölf Grimm’schen Märchen.
Badische Schulzeitung, 14. Dezember 1929
Fritz Wilkendorf: „Das deutsche Märchen. Ein Schulwandbild.“ Die wichtigste zeitgenössische Quelle zur Entstehung, Konzeption, Finanzierung, Gestaltung und Nutzung von Kindern als Modelle.
Badische Neueste Nachrichten, 26. Juni 1952
Bericht über die Beschädigung und vollständige Erneuerung des Schulwandbildes durch Hans Schöpflin.
BNN vom 07.08.2020
Bericht über die Restaurierung durch Ute Schlee
Weitere Quellen
LEO-BW – Biografie Hans Fischer-Schuppach
Biografische Daten zu Hans Fischer, seinem Studium in Karlsruhe, seinem Wechsel nach Berlin und seinem späteren Künstlernamen Fischer-Schuppach. (LEO-BW)
Landesarchiv Baden-Württemberg / Generallandesarchiv Karlsruhe
Historische Aufnahme von 1930: „Wandgemälde im Schulsaal“, Glasnegativ von Wilhelm Kratt, Bestand 498-1. Die Aufnahme ist als früher fotografischer Beleg des Wandbildes überliefert. (waldenserweg.de)
Wikipedia
„Kunstwerk des Monats“ Nr. 315 – Juni 2011 Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg
www.deutsche-digitale-bibliothek.de
Informationen von Frau Ute Schlee und verschiedenen Palmbacher Bürgern
Zusammengestellt von Roland Jourdan














